God's Eye View - der offene Blick auf den Planeten
Nach ShadowBroker folgt der nächste offene OSINT-Globus - diesmal von einem Ex-Google-PM.
Ein browserbasierter 3D-Globus zeigt Flugzeuge, Schiffe, Satelliten und Dutzende weitere Live-Datenschichten auf einem fotorealistischen Planeten - inklusive Sprachsteuerung. Ich beobachte das Projekt God's Eye View des ehemaligen Google-Produktmanagers Bilawal Sidhu bereits seit einiger Zeit. Jetzt hat er es unter MIT-Lizenz öffentlich einsehbar gemacht. Im Gegensatz zu vielen ähnlichen OSINT-Dashboards setzt das Projekt konsequent auf kostenlose, anonym nutzbare Datenquellen und ein durchdachtes Sicherheitskonzept für die eingebundenen API-Schlüssel.
Es lohnt sich, auch die anderen Videos anzuschauen, in denen er verschiedene Bereiche des Planeten über längere Zeiträume beobachtet hat.

Einordnung neben ShadowBroker und Co
God's Eye View reiht sich in eine wachsende Familie browserbasierter OSINT-Globen ein, zu der auch das zuvor auf diesem Blog vorgestellte ShadowBroker zählt. Während ShadowBroker mit über 60 Feeds und einem Fokus auf klassische Intelligence-Layer wie GPS-Jamming-Zonen oder Polizeifunk arbeitet, punktet God's Eye View vor allem mit der Kombination aus fotorealistischer 3D-Darstellung und einem sprachgesteuerten Assistenten, der Anfragen in Kamerabewegungen und Layer-Wechsel übersetzt. Beiden Projekten gemeinsam ist der eigentliche Punkt, der sie sicherheitstechnisch relevant macht: Keine der verwendeten Datenquellen ist neu oder geheim, jede einzelne war schon vorher öffentlich abrufbar. Erst die Aggregation an einem einzigen Ort mit sofortiger räumlicher Korrelation erzeugt ein Lagebild, das einzelne Feeds für sich genommen nicht liefern - ein Effekt, der sich ebenso auf Personen und deren Bewegungsmuster übertragen lässt, sobald zusätzliche öffentlich verfügbare Datenquellen wie Fahrzeugkennungen oder Standortmetadaten einbezogen werden.
Vom viralen Video zum offenen Quellcode
Sidhu, der sechs Jahre als Produktmanager für AR-, VR- und 3D-Kartierungsprojekte bei Google gearbeitet hat und mittlerweile als Technology Curator für TED sowie als Venture Scout für Andreessen Horowitz tätig ist, hatte mit seiner Videoserie zu God's Eye View - vormals unter dem Namen WorldView bekannt - mehrere Millionen Aufrufe erzielt. Auf X kündigte er die Veröffentlichung so an: Der Code stehe nun unter MIT-Lizenz zur Verfügung, jeder könne neue Datenebenen ergänzen, den Sprachagenten erweitern oder das Projekt einfach auseinandernehmen. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich nicht um Zugriff auf ein privates Satellitennetzwerk oder ein klassifiziertes Überwachungssystem - alle dargestellten Daten stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Ein Cesium-Globus ganz ohne Framework
Technisch verzichtet das Projekt bewusst auf ein großes Frontend-Framework. Die Basis bilden reines JavaScript, CesiumJS für die 3D-Darstellung sowie Vite als Build-Tool. Für die fotorealistische Planetenoberfläche kommen Google Photorealistic 3D Tiles zum Einsatz, die Sprachsteuerung läuft über die OpenAI Realtime API. Diese schlanke Architektur macht den Quellcode vergleichsweise leicht lesbar und dürfte der Grund sein, warum sich das Repository seit der Freigabe bereits mehrere Hundert Sterne und Dutzende Forks eingefangen hat.
Datenquellen ganz ohne eigenen API-Schlüssel
Wer die Anwendung lokal betreibt, kommt für einen brauchbaren Grundumfang komplett ohne eigene Zugangsdaten aus. Im kostenlosen Grundbetrieb greift God's Eye View unter anderem auf das anonyme Kontingent von OpenSky Network für Flugbewegungen, auf Erdbebendaten des USGS, auf Bahndaten von CelesTrak für Satelliten, auf adsb.lol für zusätzliche Flugtracks, auf städtische Verkehrskameras, auf Radio Browser für Streaming-Radiosender, auf GBFS-Feeds für Bike- und Scooter-Sharing sowie auf Launch Library 2 für anstehende Raketenstarts zurück. Wer mehr Tiefe möchte, kann zusätzlich kostenpflichtige oder anmeldepflichtige Dienste wie AISStream für Schiffsdaten, FIRMS für Feuererkennung, TomTom für Verkehrsdichte sowie Cesium ion und einen authentifizierten OpenSky-Zugang einbinden - mit jeweils eigenen Nutzungsbedingungen und Limits, die vor einem produktiven Einsatz geprüft werden sollten.
Ich hatte bereits über OpenTrafficMap berichtet. So kann man verstehen, wie diese Datenqualität entsteht.

Wie die API-Schlüssel abgesichert sind
Aus Security-Sicht ist besonders die Behandlung der Zugangsdaten interessant. Schlüssel für Dienste mit Abrechnungsrisiko - etwa OpenAI, AISStream, die OpenSky-OAuth-Anmeldung, TomTom und FIRMS - werden serverseitig über einen Proxy vermittelt und erreichen den Browser gar nicht erst. Die Zielendpunkte dieser Proxy-Routen sind fest hinterlegt oder auf eine Allowlist beschränkt, ergänzt um Zeitlimits, begrenzte Antwortgrößen und bereinigte Fehlermeldungen. Lediglich die Schlüssel für Google Maps und Cesium ion liegen bewusst im Client, da sie sich über die jeweiligen Provider-Konsolen selbst einschränken lassen. Zusätzlich sind die kostenpflichtigen Feeds hinter Budget-Wächtern versteckt: Ein Kontingent-Regler für OpenSky, ein Tageslimit für TomTom-Kacheln und ein Zwischenspeicher für Satellitenbahndaten sollen verhindern, dass ein einzelner Nachmittag Experimentieren gleich das komplette API-Guthaben verbraucht. Bei der per Sprache gesteuerten Realtime-Audio-Sitzung zeigt die Anwendung sogar eine laufende Kostenschätzung an, warnt bei zwei US-Dollar und kappt die Sitzung bei fünf US-Dollar hart.

Vom Hubschrauber-Loop bis zur Sprachsteuerung
In der Praxis lässt sich mit wenigen Klicks zwischen Anzeigemodi wie einer Nachtsicht- oder einer Wärmebild-Optik wechseln, einzelne Kontakte lassen sich per Klick verfolgen und mit einem Klick in eine simulierte Cockpit-Perspektive samt Augmented-Reality-Annotationen der Umgebung wechseln. Über das Kontakte-Menü zeigt die Anwendung zusätzlich an, welche militärischen Flüge, Schiffe oder kartierten Anlagen sich im Umkreis von 250 Kilometern um ein ausgewähltes Ziel befinden. Besonders demonstriert wird das im begleitenden Vorstellungsvideo an einem militärischen Ausbildungsgebiet in Alabama, in dem Hubschrauber wiederholt enge Kreise fliegen - ein Muster, das laut Sprachassistent typischen Trainingsanflügen zur Einübung von Kurvenflug, Abstandhalten und Koordination entspricht. Die Sprachsteuerung selbst erlaubt Anweisungen wie das Anfliegen eines Ortes, das Einblenden der Verkehrskamera-Ebene, das Markieren von Gebäudeumrissen oder das automatische Berechnen und Abfahren einer Fußgängerroute zwischen zwei Sehenswürdigkeiten - die Kombination aus Kartendaten, Objekterkennung und Sprachmodell übernimmt dabei die eigentliche Interpretation der Anfrage.
Fazit
Mit God's Eye View steht ein technisch schlank gehaltenes, vollständig quelloffenes Werkzeug bereit, das öffentliche Live-Daten zu Flugzeugen, Schiffen, Satelliten und Infrastruktur auf einem fotorealistischen 3D-Globus zusammenführt und per Sprache steuerbar macht. Besonders bemerkenswert ist die durchdachte Absicherung der eingebundenen API-Schlüssel per serverseitigem Proxy und Budget-Deckelung, die als Vorlage für eigene Projekte mit mehreren externen Diensten dienen kann. Wie schon bei ShadowBroker zeigt sich auch hier: Der eigentliche Wert - und das eigentliche Risiko - solcher Tools liegt nicht in neuen Daten, sondern in deren Zusammenführung.
