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6G und die Physik: Herzschlag und Gangart als neuer Fingerabdruck

Von Googles Soli-Radar bis ISAC: die stille Ausbreitung der Personen-Überwachung im Alltag. Beeindruckende Namen machen es der Bevölkerung schmackhaft?

6G und die Physik: Herzschlag und Gangart als neuer Fingerabdruck

Mein eigenes Experiment mit RuView, einem Open-Source-Projekt unter Anderem zur WLAN-basierten Sturzerkennung, zeigte mir eine unangenehme Nebenwirkung der eingesetzten Technik.

Übersicht

    Vom Hobby-Projekt zum Blick durch die Wand

    RuView wurde ursprünglich von mir als Test für kontaktlose Sturzerkennung für ältere Angehörige erprobt. DensePose From WiFi veröffentlicht hat.

    In meinem Testaufbau konnten auch mehrere Personen leicht unterschieden werden.

    Ein ESP32-Modul für rund acht Euro reicht als Sensor aus, um diese CSI-Werte auszulesen.

    Eine Wand aus Gipskarton oder Ziegel bremst WLAN-Signale zwar etwas ab, stoppt sie aber nicht.

    Wie ein WLAN-Router zum Radar wird

    Diese Fähigkeit ist längst kein Nischenphänomen mehr. WiFi Motion eine Bewegungserkennung in Millionen Router-Gateways aktiviert, die ganz ohne zusätzliche Hardware auskommt.

    Kritiker weisen allerdings auf zwei Punkte hin, die über reinen Komfort hinausgehen.

    Zum anderen zeigt ein Blick in die Datenschutzerklärung von Xfinity, dass die dabei erzeugten Bewegungsdaten auch mit Strafverfolgungsbehörden geteilt werden können, ohne dass die betroffene Person darüber informiert wird.

    6G soll dieselbe Physik in jedes Netz einbauen

    Was bei einzelnen Routern heute schon als Zusatzfunktion existiert, wird beim Nachfolgestandard von 5G zum zentralen Entwurfsprinzip. ETSI GR ISC 001 insgesamt 18 Anwendungsfälle für sogenanntes Integrated Sensing and Communication (ISAC) definiert, bei dem dieselbe Funkinfrastruktur gleichzeitig für Datenübertragung und für Sensorik genutzt wird.

    Zu den vorgesehenen Szenarien zählt das kontinuierliche Erfassen von Vitalwerten wie Atmung und Herzfrequenz in Innenräumen, etwa zur Überwachung älterer oder chronisch kranker Menschen, sowie das Aufspüren verschütteter Personen bei Erdbeben oder anderen Katastrophen über die charakteristische Atem- und Herzsignatur unter Trümmern.

    Fokus auf die Erfassung menschlicher Eigenschaften und Aktivitäten?

    Auf den ersten Blick klingen diese Anwendungen sinnvoll, und in Notfallszenarien können sie tatsächlich Leben retten. Analyse zu ISAC-Datenschutzrisiken unterteilt die anfallenden Daten in drei Sensibilitätsstufen, von Standort- und Umgebungsdaten über Verhaltensmuster bis hin zu physiologischen Informationen wie Atemfrequenz oder herzratenbezogenen Werten, und fordert für 6G-Netze explizite Kontrollmechanismen, weil klassische Verschlüsselung von Kommunikationsinhalten hier schlicht nicht greift.

    Vom Nachttisch bis zur Nachbarwohnung

    Wie nah diese Technik der Konsumwelt bereits ist, zeigt ein Blick auf Googles Radarchip Soli. Nest Hub der zweiten Generation wieder, wo er unter dem Namen Sleep Sensing Atmung, Bewegung und Schlafphasen durch die Bettdecke hindurch erfasst, ganz ohne Kamera oder tragbares Gerät.

    Da Google-Nest und die Pixel4-Serie bereits mm-Wave Radar eingebaut haben, können diese Geräte leicht Emotionen oder Schlafmangel der erreichbaren Personen dokumentieren und an Google zurück melden.

    Bemerkenswert ist dabei ein regulatorisches Detail: In Indien wurde sowohl der Verkauf des Pixel 4 als auch später die Sleep-Sensing-Funktion des Nest Hub deaktiviert, weil das dafür genutzte 60-GHz-Band dort nicht für die kommerzielle Nutzung freigegeben ist und regulatorisch anders eingestuft wird als in den USA oder Europa. auf Nachttischen in anderen Ländern völlig unreguliert läuft.

    Wenn Herzschlag und Gehweise zum Fingerabdruck werden

    Die eingangs erwähnte Arbeit aus Carnegie Mellon zeigt, dass sich aus WLAN-Signalen nicht nur Bewegung, sondern auch die vollständige Körperhaltung mehrerer Personen gleichzeitig rekonstruieren lässt, inklusive Gelenkpositionen und Umriss.

    Eine Arbeit aus Rom geht noch einen Schritt weiter: WhoFi nutzt genau dieselben CSI-Rohdaten, um Personen anhand ihrer individuellen Signalverzerrung wiederzuerkennen, ganz ohne Gesichtserkennung oder Smartphone.

    Kombiniert man diese drei Bausteine, ergibt sich eine Kette, die weit über einfache Bewegungsmelder hinausgeht: Ein System erkennt zunächst, dass sich jemand im Raum befindet, rekonstruiert anschließend dessen Haltung und Vitalwerte, und kann am Ende sogar bestimmen, um welche konkrete Person es sich handelt.

    Weitere Datenschutzrisiken im Alltag

    Über die bereits beschriebenen Punkte hinaus lassen sich mehrere weitere Risiken benennen, die im öffentlichen Diskurs über 6G bislang zu kurz kommen.

    Erstens fehlt bei passiver Funksensorik ein technisches Opt-out für Betroffene: Wer nicht selbst Vertragspartner des Anbieters ist, kann weder zustimmen noch widersprechen, während er trotzdem erfasst wird, sobald er sich im Wirkungsbereich eines Sensors aufhält.

    Zweitens sind Vitaldaten wie Herzfrequenz oder Atemmuster hochsensible Gesundheitsinformationen, aus denen sich etwa Rückschlüsse auf Schlafqualität, Stresslevel oder gesundheitliche Auffälligkeiten ziehen lassen, ein Umstand, der für Versicherungen, Arbeitgeber oder Vermieter theoretisch von Interesse sein könnte, sobald entsprechende Auswertungssysteme verfügbar sind.

    Drittens lassen sich Bewegungs- und Anwesenheitsprofile aus WLAN- oder 6G-Sensorik mit anderen bereits vorhandenen Datenquellen verknüpfen, etwa mit den bereits an anderer Stelle im Blog beschriebenen WLAN-Probe-Requests oder Mobilitätsdaten, wodurch sich Bewegungsprofile über einzelne Räume hinaus zu einem umfassenderen Bild zusammensetzen lassen.

    Viertens zeigt das Beispiel von Xfinity, dass bereits heute erzeugte Sensordaten an Dritte weitergegeben werden können, ohne dass die Kommunikationsinhalte selbst betroffen sind, wodurch klassische Ende-zu-Ende-Verschlüsselung als Schutzmaßnahme komplett wirkungslos bleibt.

    Und fünftens hinkt die Regulierung der technischen Entwicklung spürbar hinterher: Die DSGVO wurde für klassische Datenverarbeitung entworfen, nicht für passive physikalische Sensorik, die ganz ohne aktive Dateneingabe der betroffenen Person auskommt und rechtlich bislang kaum eindeutig eingeordnet ist.

    Fazit

    Was in Forschungsarbeiten wie DensePose From WiFi oder WhoFi als akademisches Experiment begann, ist über offene Projekte wie RuView längst im eigenen Wohnzimmer angekommen, und mit ISAC soll dieselbe Fähigkeit fester Bestandteil jedes 6G-Netzes werden.