ArtCraft bringt die Adobe-Idee nach Linux
ArtCraft portiert eine freie Kreativsuite mit sieben nativen Open-Source-Programmen auf Linux/Mac/Windows.
Noch nie wurde eine komplette Kreativsuite in einem derartigen Tempo aus dem Boden gestampft. Unter dem Namen ArtCraft entstehen freie Programme, die sich an bekannten Werkzeugen für Bildbearbeitung, Vektorgrafik, Videoschnitt, RAW-Entwicklung, PDF-Bearbeitung, Motion Graphics und Seitenlayout orientieren.
Sieben Kreativprogramme aus einem Guss
Zur Familie gehören PhotoCraft, VectorCraft, FilmCraft, LightCraft, PdfCraft, EffectCraft und DesignCraft. Die Anwendungen werden als Clean-Room-Implementierungen entwickelt. Es wird also kein Adobe-Quellcode übernommen. Stattdessen werden öffentlich dokumentierte Formate, Spezifikationen und beobachtbares Programmverhalten als Grundlage verwendet.

Der Quellcode liegt offen auf GitHub. Die Projekte stehen unter freizügigen Open-Source-Lizenzen und dürfen kostenlos genutzt, untersucht und weiterentwickelt werden. Damit entfällt endlich das Abo. Und dafür, dass das Projekt gerade erst startet, ist es seinem Vorbild bereits überraschend nahe.


Warum Linux hier mehr als ein Häkchen ist
Im Kreativbereich wurde Linux lange eher mitverwaltet als ernsthaft bedient. Professionelle Werkzeuge erschienen meist zuerst für Windows und macOS oder gar nicht für Linux. ArtCraft dreht dieses Verhältnis ein Stück weit um. Die Programme werden nativ für Linux, Windows und macOS kompiliert; mehrere Komponenten lassen sich zusätzlich als WebAssembly-Anwendung im Browser ausführen.
Technisch wird auf Rust und einen GPU-beschleunigten Compositor gesetzt. Je nach Plattform kommen Metal, Vulkan, DirectX 12 oder WebGPU zum Einsatz. Ein Electron-Unterbau oder eine eingebettete Webseite ist nicht nötig. Das verspricht kurze Wege zwischen Anwendung, Grafiktreiber und Hardware - ungefähr so, als müsste ein Paket nicht erst durch drei Verteilzentren, bevor es beim Nachbarn ankommt.
PhotoCraft unter Linux
Ich habe PhotoCraft unter Linux getestet. Ein simples yay photocraft genügte für die Installation.
Der erste praktische Eindruck ist äußerst positiv: Die Oberfläche reagiert direkt, der Start erfolgt nativ und das Bedienkonzept wirkt für Personen mit Photoshop-Erfahrung vertraut - inklusive der Tastenkombinationen.
Kostenlos und nativ: absolut! Die allgemeine Stabilität, vollständige Funktionsparität und Eignung für produktionskritische Projekte sind wegen des frühen Entwicklungsstands noch nicht sicher. Mir sind aber bisher nur unwichtige Kleinigkeiten aufgefallen.


Die Geschwindigkeit hat mich aber dann doch sehr beeindruckt. Allein vom Klick auf das Programm-Icon bis zum fertigen Desktop vergehen weniger als zwei Sekunden. Die Richtung des "Gradiant Fill" muss nicht ausprobiert werden, da sie in Echtzeit gerendert wird...
Mehr als eine nachgebaute Oberfläche
PhotoCraft soll PSD- und PSB-Dateien mit Ebenen verarbeiten und stellt Werkzeuge für Masken, Anpassungsebenen, Typografie, Vektoren und Pinsel bereit. Hinter der grafischen Oberfläche sitzt eine gemeinsame Befehlsarchitektur. Dieselben Funktionen können über GUI, Kommandozeile, JSON-Steuerkanal oder einen MCP-Server angesprochen werden.
Gerade dieser Punkt könnte langfristig wichtiger werden als die optische Ähnlichkeit zu Photoshop. Ein lokaler KI-Agent könnte, ähnlich wie bei Krita, etwa Bildbestände sortieren, wiederkehrende Anpassungen ausführen und Ergebnisse anhand fester Prüfschritte kontrollieren. Die Dateien müssten dafür nicht zwangsläufig an einen Cloud-Dienst übertragen werden. Für vertrauliches Material ist lokale Verarbeitung ein handfester Vorteil, ersetzt aber keine Prüfung der verwendeten Plug-ins, Modelle und Automatisierungsskripte.
Headless-Bearbeitung
Besonders praktisch ist der Headless-Modus: PhotoCraft lässt sich ohne geöffnete GUI für einzelne Bilder oder komplette Stapelverarbeitungen nutzen. Ein typischer Aufruf kombiniert mehrere Befehle direkt in einer Pipeline:
photocraft-cli run wave.psd \
--cmd filter.sharpen.smartSharpen --params '{"amount":80}' \
--cmd layer.newAdjustmentLayer.curves --params '{"points":[[0,0],[64,48],[192,212],[255,255]]}' \
--out wave-final.pngFür Serienbearbeitung genügt eine Action-Liste als JSON-Datei:
photocraft-cli batch --actions grade.json --in ./raw --out ./gradedJeder Unterbefehl dokumentiert sich dabei selbst:
photocraft-cli batch --helpFür Agenten bietet photocraft-cli mcp einen MCP-Endpunkt – entweder vollständig headless oder als Bridge zur laufenden Desktop-Anwendung. Damit kann ein lokaler Agent etwa PSD-Dateien öffnen, Filter anwenden, Ebenen und Kurven anpassen und das Ergebnis speichern, ohne Pixel-Koordinaten raten zu müssen.
Der nüchterne Blick auf den Entwicklungsstand
Die Geschwindigkeit der Entwicklung ist bemerkenswert, doch eine große Zahl an Commits oder Codezeilen sagt wenig über Reife aus. Entscheidend sind reproduzierbare Tests, korrekte Darstellung realer Dateien, verlässliches Farbmanagement und ein Verhalten, das auch nach Stunden unter Last nicht kippt.
PhotoCraft wird ausdrücklich als Early Alpha geführt. Für Experimente, Tests und erste Workflows ist das Projekt meiner Meinung nach bereits stabil genug. Vor einer Umstellung produktiver Abläufe sollten jedoch typische Kundendateien, Exportformate, Schriften, Farbprofile und Druckprozesse vollständig durchgespielt werden.
Ein wachsendes Open-Source-Ökosystem
Auf GitHub sind inzwischen zusätzlich Projekte als Alternative für Adobe Premiere, Aftereffects etc., erschienen. Diese sehen ebenfalls vielversprechend aus, sind meiner Meinung nach aber noch nicht so weit fortgeschritten, wie mein künftiger Favorit PhotoCraft.
Auch FilmCraft ist von Grund auf agentenfähig
FilmCraft ist nicht nur „scriptbar“ im üblichen Sinne: Jede Menüaktion, jeder Button, Slider und Drag ist als Engine-Command modelliert – mit ID, typisierten Parametern und einem aktuellen Enabled-State. Das öffnet die Tür für eine saubere Automatisierung: Statt Bildschirm-Automation als Notlösung kann ein Agent dieselben Operationen ausführen wie ein menschlicher Editor.
Ein Interface, viele Zugänge
Der entscheidende Punkt ist, dass UI, CLI, JSON-Control-Channel und MCP-Server alle denselben Command-Layer bedienen. Ein Agent kann daher Clips setzen, schneiden, trimmen, color graden, Audio mischen und Exporte anstoßen – ohne einen separaten „Automationsmodus“. Effektparameter lassen sich so deterministisch setzen, etwa eine Luma-Kurve für einen Lumetri-Effekt:
{
"method": "engine.execute",
"params": {
"command": "effects.setParam",
"params": {
"clip": 87,
"effect": "lumetri",
"param": "curve_luma",
"value": [[0,0],[0.25,0.21],[0.75,0.82],[1,1]]
}
}
}UI-Automation
Jedes Widget besitzt eine Automation-ID; Agenten können klicken, ziehen, tippen und Screenshots erstellen, etwa mit ui.screenshot.
{ "method": "ui.screenshot", "params": { "path": "frame.png" } }Das ist eine durchdachte Trennung: Die präzise, reproduzierbare Steuerung läuft über Commands; die visuelle Ebene dient als Ergänzung und Debug-Werkzeug. Für selbst gehostete KI-Workflows ist besonders interessant, dass FilmCraft auch per MCP bedient werden kann und der Control-Channel laut Dokumentation ausschließlich auf 127.0.0.1 lauscht.
Ich selbst bin bisher noch nicht so tief ins Detail gegangen. Im Gegensatz zu den Adobe-Produkten finde ich die neuen Möglichkeiten, vor dem Hintergrund meiner lokalen KI, sehr spannend.


LightRoom Alternative: LightCraft:

Adobe-Acrobat Alternative: PdfCraft

Fazit
ArtCraft macht eine freie, native Kreativsuite unter Linux erstmals erstaunlich greifbar. PhotoCraft zeigt dabei eine technisch spannende Richtung und lief in meinen Tests überraschend stabil. Auch die anderen Programme aus der Adobe-Suite liefen erstaunlich flott. Zugegeben, hier und da gibt es noch ein paar unerwartete Reaktionen. Doch bisher habe ich bei meinen Tests kein einziges Projekt verloren. Es ist auf jeden Fall ein großer Schritt auf dem Weg zu mehr digitaler Souveränität...
